Können Darmbakterien beim Abnehmen helfen?

Akkermansia muciniphila und Gewichtsabnahme werden derzeit intensiv erforscht. Ein bestimmtes Darmbakterium könnte möglicherweise dabei helfen, nach einer erfolgreichen Diät das erreichte Gewicht länger zu halten. Eine aktuelle Studie liefert dafür interessante Hinweise. Von einem Durchbruch bei der Behandlung von Übergewicht und Adipositas kann jedoch noch keine Rede sein. Denn die bisher vorliegenden Ergebnisse sind begrenzt und müssen durch weitere Untersuchungen bestätigt werden. Willkommen zu unserem neuen Blog „Können Darmbakterien beim Abnehmen helfen?“.

Der sogenannte Jo Jo Effekt gehört zu den grössten Herausforderungen beim Abnehmen. Nach einer Gewichtsreduktion nehmen viele Menschen innerhalb einiger Monate wieder einen Teil der verlorenen Kilos zu. Auch nach einer Behandlung mit modernen Abnehmspritzen kann das Gewicht nach dem Absetzen wieder ansteigen. Deshalb suchen Forschende nach Möglichkeiten, die langfristige Gewichtsstabilisierung zu verbessern.

Dabei rückt das Darmmikrobiom zunehmend in den Mittelpunkt. Besonders Akkermansia muciniphila und Gewichtsabnahme sorgen aktuell für wissenschaftliches Interesse.

Was ist Akkermansia muciniphila?

Akkermansia muciniphila ist ein Bakterium, das natürlicherweise im menschlichen Darm vorkommt. Es gehört zu den Mikroorganismen, die mit der Schleimschicht des Darms in Verbindung stehen. In der Forschung wird bereits seit mehreren Jahren untersucht, welche Rolle dieses Bakterium für Stoffwechsel, Darmbarriere und Körpergewicht spielen könnte.

Inzwischen werden entsprechende Präparate auch als Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Sie werden teilweise als besonders moderne Form von Probiotika beworben. Genau hier ist allerdings Vorsicht angebracht. Dass ein bestimmtes Darmbakterium interessante biologische Eigenschaften besitzt, bedeutet nicht automatisch, dass ein frei erhältliches Präparat beim Abnehmen oder bei der Gewichtsstabilisierung zuverlässig wirkt.

Die aktuelle Forschung zu Akkermansia muciniphila und Gewichtsabnahme liefert zwar neue Ansatzpunkte, ersetzt aber keine etablierten Behandlungsmethoden gegen Adipositas.

Was die aktuelle Studie untersucht hat

Für die nun veröffentlichte Untersuchung wurden Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas zunächst über acht Wochen mit einer stark kalorienreduzierten Ernährung behandelt. Ziel war es, mindestens acht Prozent des Ausgangsgewichts zu verlieren. Anschliessend begann eine sechsmonatige Phase, in der die Teilnehmenden ihre Ernährung wieder weniger stark einschränken mussten.

Die Forschenden teilten die Teilnehmenden zufällig in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe erhielt täglich ein Präparat mit pasteurisiertem Akkermansia muciniphila, die andere ein Placebo. Entscheidend war nicht in erster Linie, wie viel Gewicht während der Diät verloren wurde. Untersucht wurde vielmehr, wie gut sich das erreichte Gewicht anschliessend halten liess.

Die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert, sollten aber realistisch eingeordnet werden. In der Bakteriengruppe lag die durchschnittliche Gewichtszunahme während der Erhaltungsphase bei rund 1,2 Kilogramm. In der Placebogruppe waren es etwa 3,2 Kilogramm. Der Unterschied betrug somit ungefähr zwei Kilogramm. Die Originalpublikation beschreibt den Unterschied als statistisch signifikant.

Bedeutet das den Durchbruch gegen den Jo Jo Effekt?

Nicht unbedingt. Adipositasexpertinnen und -experten bewerten die Ergebnisse unterschiedlich. Während einige Fachleute den beobachteten Unterschied als wissenschaftlich interessant und möglicherweise klinisch relevant einschätzen, weisen andere auf die Grenzen der Untersuchung hin.

Ein wichtiger Punkt ist die Dauer. Die Teilnehmenden wurden lediglich sechs Monate nach der Gewichtsabnahme beobachtet. Ob der Effekt ein Jahr, mehrere Jahre oder möglicherweise noch länger anhält, lässt sich daraus nicht ableiten. Gerade bei der Gewichtsstabilisierung ist eine langfristige Betrachtung entscheidend.

Hinzu kommt, dass es sich um eine einzelne Studie mit einer vergleichsweise kleinen Gruppe handelt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden belastbarer, wenn unterschiedliche Forschungsgruppen vergleichbare Ergebnisse unter verschiedenen Bedingungen reproduzieren können.

Die aktuelle Studie selbst nennt die relativ kurze Interventionsdauer als Einschränkung und fordert weitere Forschung.

Wie könnte das Darmbakterium wirken?

Warum Akkermansia muciniphila und Gewichtsabnahme möglicherweise miteinander verbunden sind, ist noch nicht abschliessend geklärt. Forschende diskutieren mehrere mögliche Mechanismen.

Eine Hypothese betrifft die Energieaufnahme. Bei den Personen, die das Bakterienpräparat erhielten, fanden sich Hinweise darauf, dass mehr Energie mit dem Stuhl ausgeschieden wurde. Das könnte bedeuten, dass ein Teil der aufgenommenen Nährstoffe dem Körper nicht vollständig zur Verfügung steht.

Darüber hinaus wird untersucht, ob Darmbakterien über Stoffwechselprodukte mit dem Nervensystem kommunizieren und dadurch möglicherweise Hunger und Sättigungsgefühl beeinflussen. Auch Veränderungen im Stoffwechselgewebe und bei entzündlichen Prozessen werden diskutiert.

Chronische Entzündungsprozesse stehen wiederum mit Übergewicht und Stoffwechselveränderungen in Verbindung. Die Studie lieferte Hinweise darauf, dass das Präparat bestimmte entzündliche Prozesse beeinflussen könnte. Allerdings handelt es sich auch hier um mögliche Erklärungen und nicht um einen bereits eindeutig bewiesenen Wirkmechanismus.

Pasteurisiert statt lebendig?

Eine Besonderheit der Untersuchung ist, dass nicht einfach lebende Bakterien verabreicht wurden. Zum Einsatz kam ein pasteurisiertes Präparat von Akkermansia muciniphila. Das bedeutet, dass die Bakterien durch einen speziellen Prozess inaktiviert wurden.

Das ist wissenschaftlich interessant, weil dadurch deutlich wird, dass möglicherweise nicht allein die Besiedlung des Darms mit lebenden Bakterien für einen möglichen Effekt verantwortlich ist. Bestimmte Bestandteile der Bakterien könnten ebenfalls biologische Wirkungen entfalten.

Die Forschung untersucht deshalb zunehmend sogenannte mikrobiombasierte beziehungsweise biotische Ansätze, die über klassische Probiotika hinausgehen. Bis daraus etablierte Therapien entstehen, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.

Warum bei Probiotika Vorsicht sinnvoll ist

Der Markt für Probiotika und andere Darmbakterienpräparate wächst stark. Viele Produkte versprechen eine bessere Verdauung, ein stärkeres Immunsystem oder sogar Unterstützung beim Abnehmen. Wissenschaftlich lässt sich daraus jedoch keine allgemeine Empfehlung ableiten.

Ein entscheidender Punkt ist, dass verschiedene Bakterienstämme sehr unterschiedliche Eigenschaften besitzen können. Ein Präparat, das bei einer bestimmten Erkrankung einen Nutzen zeigt, muss deshalb nicht automatisch gegen Übergewicht wirken.

Für die Behandlung von Adipositas ist die Studienlage zu Probiotika insgesamt weiterhin nicht ausreichend, um sie als alleinige Strategie zur dauerhaften Gewichtsabnahme zu betrachten. Die aktuelle Untersuchung zu Akkermansia muciniphila ist ein interessanter Schritt, aber noch kein Beleg für eine allgemein wirksame Abnehmtherapie.

Auch mögliche Interessenkonflikte müssen bei der Bewertung berücksichtigt werden. Die Originalstudie wurde unter anderem durch das Unternehmen finanziert, das das untersuchte Produkt bereitstellte. Mehrere an der Forschung beteiligte Personen waren mit dem Unternehmen verbunden. Das macht die Ergebnisse nicht automatisch falsch, ist bei der wissenschaftlichen Einordnung aber relevant.

Was beim Gewicht halten weiterhin entscheidend ist

Wer nach einer Gewichtsabnahme dauerhaft erfolgreich sein möchte, sollte deshalb nicht auf ein einzelnes Nahrungsergänzungsmittel setzen. Fachgesellschaften empfehlen vielmehr eine Kombination aus Ernährungsumstellung, regelmässiger körperlicher Aktivität und langfristigen Veränderungen des Alltagsverhaltens.

Hilfreich kann es sein, die eigenen Gewohnheiten genau zu beobachten. Wo entstehen täglich zusätzliche Kalorien? Sind es regelmässige Snacks im Büro, süsse Getränke, grosse Portionen, Restaurantbesuche oder kalorienreiche Belohnungen nach dem Sport?

Solche Muster zu erkennen, kann wichtiger sein als eine einzelne kurzfristige Diät. Denn das Ziel besteht nicht nur darin, Gewicht zu verlieren, sondern die veränderten Gewohnheiten langfristig beizubehalten.

Auch die Bewegung sollte zum individuellen Alltag passen. Wer beispielsweise aufgrund von Gelenkproblemen Schwierigkeiten beim Laufen hat, kann möglicherweise mit Schwimmen, Radfahren oder anderen gelenkschonenden Aktivitäten regelmässig aktiv bleiben.

Individuelle Unterstützung kann den Unterschied machen

Eine professionelle Begleitung kann ebenfalls sinnvoll sein. Ernährungsberatung, Bewegungstherapie oder eine spezialisierte Adipositasbehandlung können dabei helfen, realistische Strategien für die langfristige Gewichtsstabilisierung zu entwickeln.

Adipositas ist eine chronische Erkrankung mit zahlreichen Einflussfaktoren. Deshalb gibt es auch beim Gewichtsmanagement kein allgemeingültiges Patentrezept.

Die Forschung zu Akkermansia muciniphila und Gewichtsabnahme eröffnet dennoch einen interessanten Blick auf das Darmmikrobiom. Die aktuellen Daten sprechen dafür, diesen Forschungsansatz weiterzuverfolgen. Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen einem vielversprechenden wissenschaftlichen Ansatz und einer bereits bewährten Therapie zu unterscheiden.

Für Euch bedeutet das: Wenn Ihr nach einer Gewichtsabnahme Euer Gewicht langfristig halten möchtet, bleiben eine passende Ernährung, regelmässige Bewegung und eine nachhaltige Veränderung der Alltagsgewohnheiten die entscheidenden Grundlagen. Darmbakterien könnten in Zukunft möglicherweise eine zusätzliche Rolle spielen. Ob sie tatsächlich dauerhaft vor dem Jo Jo Effekt schützen können, muss die weitere Forschung erst zeigen.

Einen weiteren Artikel zum Thema findet ihr hier: Unser Darm ist ein Wunderorgan

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Bilder: Canva.com