Auszug aus einem Interview mit Prof. Dr. Hans Maier, Leiter des Kompetenzzentrums für Adipositas- und metabolische Chirurgie am Tannhäuser Tor

Herr Maier, Ihre Klinik ist ein Kompetenzzentrum für Adipositas- und metabolische Chirurgie. Was genau können wir uns unter einem Kompetenzzentrum vorstellen?

Das bedeutet, dass es in erster Linie eine Reihe von Qualitätsanforderungen gibt, deren Erfüllung Voraussetzung sind, damit eine Klinik als Kompetenzzentrum zertifiziert werden kann. Wir haben uns einem externen Überprüfungsverfahren unterzogen, das nach bestimmten Qualitätsstandards durchgeführt wird: Gibt es die entsprechenden Betten für adipöse Patienten, ist der Operationssaal und sind die Operationsteams für die Behandlung solcher Patienten ausgelegt und sind die entsprechenden Instrumente vorhanden. Dazu kommen aber auch andere Dinge, zum Beispiel ob es das entsprechende interdisziplinäre Team gibt, das zusätzlich zum operativen Eingriff auch das komplette Spektrum der Vor- und Nachsorge abdecken kann. Es gibt externe Qualitätskontrollen, denen sich zertifizierte Zentren regelmäßig unterziehen müssen. Zudem nimmt unser Haus auch an der deutschen Qualitätsstudie für Adipositas-Chirurgie teil.

Ihre Klinik hat sich auf Adipositas und deren Behandlung spezialisiert. Eine Krankheit, die von manchen Medien schon als neue Epidemie bezeichnet wird, die die Industriestaaten überrollt. Neben der Behandlung forschen Sie in Ihrer Klinik ja auch an den Ursachen, durch die es zu krankhaftem Übergewicht kommen kann. Welche Ansätze werden heutzutage verfolgt?

Zum Beispiel inwieweit unsere Genetik unser Gewicht bzw. unsere Situation beeinflusst. Man nimmt heute an, dass genetische Ursachen in einem ganz hohen Prozentsatz Mit-Auslöser oder zumindest Vorbereiter sind, damit ein Patient eine Adipositas überhaupt entwickelt. Natürlich gibt es außer der Genetik oder dem Stoffwechsel noch viele andere Faktoren, die für das Übergewicht verantwortlich sein können. Das sind die Lebensumstände, die wir heute haben. Es ist nun mal so, dass unser Organismus für ein Leben in Bewegung konstruiert ist, so wie es die Menschen vor 1000 Jahren geführt haben. Heute aber, in unserer hochmodernen Zivilisation in der Bewegung gar nicht mehr viel gefordert wird, haben wir unsere Lebensumstände komplett umgebaut. Und das führt dann eben auf die Dauer zu dem Problem, dass wir viel mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir benötigen, und das ist nun mal der Mechanismus, durch den wir über Jahre und Jahrzehnte allmählich immer dicker werden. Diesem Mechanismus können wir einfach nur entgegenwirken, indem wir unsere Lebensumstände durch bestimmte Maßnahmen ergänzen. Ausreichend körperliche Aktivität, eine vernünftige, ausgewogene Ernährung und dass wir natürlich auch das Essen analysieren, das wir angeboten bekommen.

Inwieweit haben wir das Ruder überhaupt selbst in der Hand?

Die Frage ist natürlich schwierig zu beantworten. Natürlich haben wir irgendwie das Ruder auch selbst in der Hand. Aber es gibt zum Beispiel Patienten, die aufgrund von genetischen Defekten an Adipositas erkranken. Bei anderen Betroffenen liegen die Gründe woanders, diese sind mitunter wiederum dann in der Lage, der Adipositas rechtzeitig durch konservative Maßnahmen wie Ernährungsumstellung, Ernährungsreduktion und mehr Bewegung entgegenzuwirken.

Bei Ihnen als Chirurg vermuten wahrscheinlich viele, dass eine lebensbedrohliche Adipositas ausschließlich mithilfe einer Operation ausreichend behandelt ist?

Das könnte man vermuten, ist aber natürlich nicht der Fall, weil wir wissen, dass die Chirurgie zur Bekämpfung der Adipositas immer in ein Gesamtkonzept eingebettet sein muss. Bei der Behandlung dieser Patienten sind eine Vielzahl unterschiedlicher Teams beteiligt, und wenn die Operation wirklich zu Erfolg führen soll, dann muss der Patient in ein solches Therapiekonzept eingebettet sein. Das heißt, jeder chirurgische Eingriff muss immer von engmaschigen Kontrollen und von vor- und nachbereitenden Behandlungen begleitet werden. Die Patienten müssen optimal informiert und vorbereitet in die Operation hineingehen und wenn diese dann erfolgt ist, kommen in bestimmten Abständen die Kontrollen, die für die verschiedenen Operationsverfahren durchaus unterschiedlich sein können. Wichtig ist, dass die Ernährungsvorgaben befolgt werden und der Patient sich ausreichend bewegt. Diese Bewegungen werden postoperativ langsam gesteigert. Dann gibt es natürlich Probleme und Fragen, die auch der Arzt nicht immer lösen kann. In diesem Fall werden Therapeuten eingesetzt oder auch Gruppengespräche mit anderen Betroffenen geführt. Gerade letzteres ist von großer Wichtigkeit, da es den Patienten immer hilft, Austausch mit denjenigen zu haben, die die gleichen Probleme und Erfahrungen haben. Dieses Gesamtkonzept ist der Schlüssel zum Erfolg solch einer Operation. Und deswegen sollte man solche Eingriffe nur dort durchführen, wo ein solches Gesamtkonzept existiert, wie zum Beispiel in unserem Kompetenzzentrum.

Sie arbeiten intensiv mit Bewegungsverhaltenstherapeuten und Ernährungsberatern zusammen. Ist das ein Zusammenschluss, der sich bewährt hat?

Auf jeden Fall. Wir haben ein festes Team mit verschiedenen Diplomökotrophologen, Diätassistenten, mit Psychotherapeuten und auch Psychologen, das um Endokrinologen ergänzt wird – also Internisten mit Schwerpunkt Hormon- und Stoffwechsel. Und das ist eigentlich das Konzept, das umgesetzt werden sollte, und auch genau das, was von der WHO weltweit gefordert wird.

Wenn man einen adipösen Patienten richtig beraten will, auch bezüglich einer eventuellen Operation, dann kann man das Ihrer Meinung nach nur, wenn man alle diese verschiedenen Operations-, Therapie- und Versorgungsverfahren auch tatsächlich anbieten kann?

Meiner Meinung nach schon. Darüber hinaus sollten auch alle gängigen Operationsverfahren angeboten werden. Auch wenn bei uns natürlich der Schwerpunkt auf Magenbypass und Schlauchmagen liegt, bieten wir zum Beispiel auch speziellere Verfahren an:  Wir machen auch biografische Teilungen in verschiedenen Varianten, setzen Magenbänder ein, Magenschrittmacher – diese allerdings nur im Rahmen von speziellen Studien – also alle verschiedenen operativen Verfahren.