Interview mit Prof. Dr. Andreas Türler, Chefarzt des Adipositaszentrums in Bonn

Chefarzt Prof. Dr. med. Andreas Türler

Adipositaspatienten brauchen Hilfe und keine Ausgrenzung!

Sehr geehrter Herr Professor Türler, immer mehr Menschen in Deutschland leiden an Adipositas (krankhaftes Übergewicht). Wo sehen Sie die Hauptgründe für diese dramatische Entwicklung?“ 

Hier nur einen Grund zu benennen ist sicher falsch. Fakt ist, dass Adipositas viele Ursachen haben kann. Sicher trägt eine falsche Ernährungsweise und auch ein Zuwenig an Bewegung deutlich dazu bei, dass der Zeiger auf der Waage immer weiter ansteigt. Hier haben viele Entwicklungen zum Anstieg der Patientenzahlen beigetragen.

Immer mehr Bundesbürger verbringen Ihre Arbeitszeit, aber auch einen großen Teil ihrer Freizeit vor dem Computer oder zumindest sitzend. Erschwerend kommt ein Überangebot an kalorienreichen Lebensmitteln und Fertigprodukten hinzu.

Aber auch genetische Faktoren, oder eine Stoffwechselerkrankung können eine Ursache sein. Häufig berichten mir Adipositaspatienten, dass auch die Erziehung oder erlebte Traumata dazu beigetragen haben, dass sich ihr Gewicht negativ verändert hat.

Wie sollten sich Menschen verhalten, die für sich erkennen, dass sie dieser negativen Entwicklung nicht mehr alleine begegnen können?

Hier ist es falsch, den Kopf in den Sand zu stecken. Erste Anlaufstelle ist sicher der Hausarzt, der bei der Therapie helfen kann. Meist stehen am Anfang eine Ernährungsberatung und die Suche nach den Ursachen. Wenn dies nicht hilft oder der Patient vom Hausarzt keine Unterstützung erfährt, kann er sich auch direkt an ein Adipositaszentrum wenden um einen Termin zu vereinbaren. Hier gilt auch die Diagnostik als erster Therapieschritt. Nur wenn wir die Ursachen kennen, wird eine Therapie erfolgreich sein. Und eine erfolgreiche Therapie kann sowohl konservative Elemente beinhalten als auch eine Operation.

Wird jeder Patient bei Ihnen operiert und wie verhalten sich die Krankenkassen bei der Kostenübernahme einer Operation?

Sicher ist nicht jeder Patient für eine Operation geeignet und es gibt ganz klare Vorgaben (Leitlinien), die sowohl für oder auch gegen einen Eingriff sprechen. Hier ist zum einen der BMI maßgebend, aber auch das Vorliegen von Begleiterkrankungen und viele andere Faktoren. Diese sollten im persönlichen Gespräch erörtert werden. Eine Operation muss bei der Krankenkasse beantragt werden. Hier gilt es unterschiedliche Dokumente und Therapienachweise zu erbringen. Aber auch hier sind unser Zentrum und die beschäftigten Koordinatorinnen unterstützend tätig.

Das Adipositaszentrum Bonn ist ein zertifiziertes Referenzzentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie. Was ist der Hintergrund für diese Zertifizierung und wie profitieren Patienten davon?

Zertifizierte Zentren müssen sowohl in der Therapie und auch in der Dokumentation hohe Anforderungen erfüllen. Dies betrifft sowohl das therapeutische Angebot, die Kooperation mit Selbsthilfegruppen und auch die Dokumentation über Therapieverläufe oder eventuell auftretende Komplikationen. Weiteres wesentliches Kriterium ist die Anzahl der Eingriffe. Hier scheinen Studien zu belegen, dass mit der Anzahl der Operationen die Häufigkeit von Komplikationen sinkt. Letztendlich dienen viele Zertifizierungskriterien der Sicherheit und dem nachhaltigen therapeutischen Nutzen.