Seit einiger Zeit ist der Darm oft ein Thema, und zwar nicht nur in fachspezifischen Berichten, sondern in den allgemeinen Medien und der Öffentlichkeit. Das ist auch gut so, denn es hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie wichtig die Gesundheit des Darms für unser allgemeines Wohlbefinden ist. Während dieser Bereich des Körpers lange Zeit eher vernachlässigt wurde, erkennen wir heute, was für ein organisches Wunderwerk wir da in uns tragen.

Das leistet unser Darm

Bei einem erwachsenen Menschen kann der Darm eine Gesamtlänge von circa acht Metern erreichen. Seine Oberfläche, würde man sie ausbreiten, entspricht dann der eines ganzen Fußballfeldes. Das allein ist schon faszinierend und nur schwer vorstellbar. In einem Leben durchschnittlicher Länge leistet er nahezu Unglaubliches: Er verarbeitet circa 30 Tonnen Nahrung 50.000 Liter Flüssigkeit. All das zersetzt er in die einzelnen Bestandteile und filtert gleichzeitig lebenswichtige Nährstoffe aus der Nahrung heraus.

Außerdem schützt der Darm unser Immunsystem. Verantwortlich dafür sind extrem viele verschiedenste Bakterien, die dort angesiedelt sind. Sie schützen den Darm vor Schadstoffen, vernichten Krankheitserreger und leiten Informationen zu möglichen Eindringlingen an die Immunzellen.

Umgekehrt führt das dazu, dass wir uns insgesamt unwohl fühlen, wenn es unserem Darm nicht gut geht. Befragungen haben ergeben, dass Müdigkeit, Antriebslosigkeit, schlechte Laune und eine verringerte Belastbarkeit zu den häufigsten Folgeerscheinungen bei Darmbeschwerden zählen. Auch Depressionen, Migräne oder Entzündungen der Blase können darin begründet sein. Dies ist jedoch bei weitem noch nicht allen bewusst, dabei wäre genau das wichtig, damit wir daran denken, den Darm bei seinen umfangreichen Aufgaben zu unterstützen. Das können wir vor allem auf einem Weg: Durch eine gesunde und ausgewogene Ernährung.

Aktuelle Erkenntnisse

Die stärkere Auseinandersetzung mit diesem Thema mag auch Grund für neue Studien sein, die erstaunliche Erkenntnisse zu Tage gefördert haben. Dabei geht es um den Zusammenhang zwischen bestimmten Darmbakterien und unserer individuellen Nahrungsverwertung. Während es noch vor wenigen Jahren eher mitleidig belächelt wurde, wenn jemand seine Gewichtszunahme mit einer gestörten Darmfunktion begründete, so scheint dies zunehmend bestätigt zu werden.

Das soll selbstverständlich keine allgemeingültige Entschuldigung oder Erklärung sein, und das kann es auch nicht. Dennoch sind gewisse Zusammenhänge offenbar nicht von der Hand zu weisen. Es geht dabei um die Zusammensetzung der Darmflora, also im Prinzip die individuelle Zusammensetzung der dort vorhandenen Bakterien.

Studien und Ergebnisse aus den USA

Es waren Forscher der Washington University in St. Louis, die kürzlich mit einem Experiment belegen konnten, dass Bakterien, Viren und Pilze einen enormen Einfluss darauf haben, wie sich unser Körpergewicht entwickelt. Zwillingen – eine normalgewichtig, die zweite stark übergewichtig – wurden Stuhlproben entnommen. Diese wurden Mäusen verabreicht, die bis dahin absolut keimfrei im Labor gelebt hatten. Innerhalb kürzester Zeit nahmen die Mäuse deutlich an Gewicht zu, die die Bakterien der adipösen Zwillingsschwester erhalten hatten. Währenddessen bleiben die Mäuse mit den Stuhlproben des schlanken Zwillings gleichbleibend schlank. Das allein ist natürlich eine eindrucksvolle Entwicklung, doch die Entschlüsselung dieses Fortlaufs des Experiments ist noch beeindruckender. Als die Forscher die Darmflora der Mäuse untersuchten, stellten sie eine erheblich unterschiedliche Bakterienzusammensetzung fest.

Ein medizinischer Fall – ebenfalls aus den USA – kam zu einem ähnlichen Ergebnis, ohne dass dies Ziel des Eingriffs war. Einer Frau mit einer gefährlichen Darminfektion wurden Darmkeine ihrer eigenen Tochter übertragen. Während die Mutter in Leben lang schlank gewesen war, litt die Tochter unter deutlichem Übergewicht. Die Infektion wurde durch die übertragenen Bakterien geheilt, doch es geschah noch mehr: Die Mutter nahm innerhalb weniger Monate mehr als 15 Kilo zu bis auch sie stark übergewichtig war. Trotz streng reduzierter Ernährung unter ärztlicher Aufsicht und viel Bewegung war die stetige Gewichtszunahme nicht aufzuhalten, höchstens zu verlangsamen.

Erste Vermutungen

Es wird auf diesem Gebiet sicher noch viele weitere Studien benötigen, um die Hintergründe genauer zu erforschen. Dennoch gibt es aufgrund erster Tests bereits konkrete Vermutungen. Dabei geht es konkret um zwei Bakterienstämme: Die Firmicutes und die Bacteroidetes. Bei schlanken Personen sind letztere häufig in deutlicher Überzahl vorhanden, während die Darmflora übergewichtiger Probanden einen Überhang an Firmicutes aufweist. Diese sind dafür bekannt, aus der Nahrung die Energie bestmöglich zu verwerten. Was in früheren Zeiten der Mangelernährung von Vorteil war, wäre für die Betroffenen heute eher ein Verhängnis. Bei den Bacteroidestes funktioniert es genau umgekehrt: Sie sorgen dafür, dass ein nicht unerheblicher Teil der zugeführten Kalorien ausgeschieden wird, ohne die Energie zu nutzen.

Die Zusammensetzung der Darmflora wird auch mit dem Jojo-Effekt in Verbindung gebracht. Nach längerer Reduzierung der Nahrungsaufnahme im Rahmen der Diät, die zur Gewichtsabnahme geführt hat, scheint sich die Darmflora darauf einzustellen, diese geringere Menge an Nahrung besonders gut zu verwerten. Ist die Diät dann beendet und der Patient ernährt sich wieder normal, so bleibt dieser Effekt. Eine darmfreundliche Ernährung auch in der Zeit danach ist daher besonders wichtig, um die schnelle und oft noch stärkere Gewichtszunahme nach einer Diät zu vermeiden.

Wie beeinflussen wir die Darmflora?

Unser gesamter Lebensstil hat Einfluss auf die Zusammensetzung und die Gesundheit unserer Darmflora. Dazu zählen beispielsweise unser Wohnort – Land oder Großstadt -, unsere Familienkonstellation wie zum Beispiel die Anzahl von Geschwistern, negative Einflüsse wie Nikotin oder Alkohol sowie unserer körperliche Aktivität. Als besonders entscheidend gilt jedoch die Art der Ernährung. Wenn man sich nun wieder die horrende Leistung vor Augen führt, die der Darm wie anfangs beschrieben vollbringt, ist das wenig erstaunlich. Die Nahrung wandert im Verdauungsprozess mitten durch den Darm, alles was wir essen, gelangt also dorthin und beeinflusst das Organ.

Das sollten wir beachten

Um unseren Darm bestmöglich zu unterstützen, ist es wichtig, einige Dinge zu vermeiden. Dazu zählen Antibiotika, größere Mengen Alkohol, Nikotin sowie zu viel Zucker. All diese Dinge stören das Gleichgewicht der Bakterien in der Darmflora. Das ist nicht nur ungesund, sondern kann auch dazu führen, dass wir zunehmen, obwohl wir nicht mehr Kilokalorien zu uns nehmen als zuvor.

Gesund dagegen sind nachweislich Ballaststoffe, und zwar in einer Menge von mindestens 30 Gramm täglich. Das klingt erst einmal wenig, doch das täuscht. Diese 30 Gramm stecken beispielsweise in mehr als einem Pfund Erbsen, mindestens fünf großen Scheiben Vollkornbrot oder 300 Gramm Müsli mit Obst.  Die Ballaststoffe können von den für die Verdauung zuständigen Enzymen nicht gänzlich aufgebrochen werden. Diese so bezeichneten Präbiotika wandern daher weiter durch den Darm und werden zu einem späteren Zeitpunkt von den Bakterien verwertet, was zum Wachstum positiv wirkender Keime führt. Kaffee, Porree, Artischocken, Pastinaken und auch Knoblauch oder Haferflocken enthalten diese Ballaststoffe. Auch Kefir, Jogurt oder Sauerkraut sollte regelmäßig auf dem Ernährungsplan stehen, denn auch diese Nahrungsmittel fördern die Darmgesundheit mithilfe von Milchsäurebakterien.

Durch eine auf diese Art ausgerichtete und insgesamt ausgewogene Ernährung kann es gelingen, die Darmflora wieder in ihrer Vielfalt zu begünstigen und für einen Ausgleich zwischen Firmicutes und Bacteroidetes zu sorgen. Neben der positiven Veränderung der Nahrungsverwertung werden so auch mögliche Entzündungen bekämpft.

 

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