Es sind nicht nur die Erwachsenen, die in vielen fortschrittlichen Ländern wie Deutschland, England oder den USA seit Jahren beständig dicker werden, sondern leider auch die Kinder. In Deutschland ist jeder zweite Erwachsene betroffen und bereits jedes sechste Kind. Für diesen besorgniserregenden Umstand gibt es sehr viele und auch sehr unterschiedliche Gründe. Nicht zuletzt spielt das soziale Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, eine entscheidende Rolle. Und dabei geht es nicht darum, dass es bei manchen am Geld für ausreichend Lebensmittel mangelt.

Von außen betrachtet

Mal ganz neutral und ohne weitere Hintergründe betrachtet, ist sicher schon jedem klar, wie viel sich in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren verändert hat. Während in den 1980-er Jahren das Leben vor allem auf der Straße stattfand, findet man die Kinder dort heute nicht mehr. Vorbei sind die Zeiten, als Eltern ihre Kinder zum Spielen nach draußen schickten, man seine Freunde immer draußen zum Kicken, Verstecken spielen oder einfach zum Quatschen traf. Schon dafür gibt es mehrere Gründe. Die einen führen längere Schulzeiten an, andere die stärkere Überlastung der Kids mit Hausaufgaben etc., doch letztlich sind diese Veränderungen nicht so dramatisch, wie oft dargestellt. Zumindest ist das allein keinesfalls ausschlaggebend. Zeit haben die Kinder und Jugendlichen schon, doch sie nutzen sie weniger beim Sport oder beim Herumtoben mit den Freunden, sondern mehr vor dem Computer oder dem Tablet. Viele Eltern sind auf ein doppeltes Einkommen angewiesen und haben dadurch im Zweifel weniger direkten Einfluss darauf, wie ihre Kinder den Nachmittag gestalten.

Vorbildfunktion versagt oft

Wir leben der jungen Generation auch kein gutes Beispiel vor, schließlich werden wir selbst immer dicker, verbringen ebenfalls viel zu viel Zeit im Sitzen und ohne Sport und zeigen uns genauso häufig abhängig von Handy, Tablet und Co. Es ist schon eine gute Portion Selbstkritik erforderlich, um klarzustellen, dass wir nicht gerade die besten Vorbilder abgeben. Das betrifft auch das Kochen. Wenn Kinder glauben, dass Tomaten aus der Flasche kommen, weil sie sie nur als Ketchup kennen, und nicht wissen, was eine Zucchini ist oder wie sie aussieht, dann ist das ein trauriger Umstand. Wir leben im absoluten Angebotsüberfluss, doch anstatt mit frischen Lebensmitteln selbst zu kochen wird viel zu viel auf Fastfood und Fertigkost zurückgegriffen. Doch von wem sollen die Kids es lernen, wenn es ihnen nicht erklärt und vor allem zuhause vorgelebt wird?

Sozialer Status spielt eine Rolle

Aktuelle Studien, die Wissenschaftler mit rund 16.000 Kindern aus Deutschland und sieben weiteren europäischen Ländern haben sehr interessante Ergebnisse dazu hervorgebracht, durch welche Faktoren das Gewicht eines Kindes bzw. sein Essverhalten beeinflusst wird. Einer davon ist der Bildungsstatus der Eltern. Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind erheblich häufiger übergewichtig als andere. Je älter die Kinder werden, desto größer werden die Unterschiede.

Auch die Wahrnehmung der Eltern spielt laut der Studie eine Rolle. Umgibt sich das Kind mit anderen, die dicker sind, so erscheint das Kind den eigenen Eltern als schlanker, ist es vor allem mit sehr dünnen Freunden umringt, wirkt es auf die Eltern dicker. Entsprechend dieser verfälschten Wahrnehmung handeln die Eltern.

Beim Essverhalten prägen die Eltern das Kind bereits in den entscheidenden ersten Jahren. Greifen sie viel zu Zucker, Fett und ungesunden Lebensmitteln, so gewöhnt sich auch das Kind daran, vor allem dann natürlich, wenn die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden. Der Einfluss der Mutter scheint dabei am stärksten zu sein. Neben den Eltern schauen sich Kinder auch viel bei den Freunden ab. Interessanterweise hat die Studie gezeigt, dass Kinder, die gesundheitsbewusst leben und erzogen werden, sich gern von anderen zum Essen von zu viel Süßigkeiten und Fastfood verleiten lassen, sie umgekehrt aber nicht viel Einfluss nehmen. Ein weiteres Problem stellt Werbung dar, vor allem im TV. Kinder scheinen diese sehr bewusst wahrzunehmen und ihren Konsum teilweise darauf auszurichten. Insbesondere fiel diesbezüglich der Konsum von gesüßten Getränken auf. Der Bewegungsmangel, der zuvor angesprochen wurde, ist ebenfalls Bestandteil der Studienergebnisse. Demnach erreichen gerade einmal zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen die empfohlene Menge von 60 Minuten täglich, in denen sie aktiv sein sollten. Dabei schneiden Mädchen noch schlechter ab als die Jungen und Teenager schlechter als Kinder. Die 14 bis 16-jährigen verbringen bereits 60 % ihrer Lebenszeit sitzend. Dass auch der Schlaf eine Rolle spielt, hat die Studie ebenfalls gezeigt. Zwei Drittel der Kinder schlafen deutlich zu wenig, ausgehend von den Empfehlungen der Experten. Man vermutet, dass Schlaf sich auf den Stoffwechsel auswirkt und so auch auf Hormone, die appetitregulierend wirken. Grundsätzlich stellte man bei Kurzschläfern eine ungesundere Lebensform fest. Außerdem mache der Mangel an Schlaf träge und hindere damit an der nötigen Bewegung. Auch die Psyche war Thema der Studie. So zeigten die Ergebnisse, dass schon bei Kindern häufig ein Verhalten auftritt, das wir bei Erwachsenen oft als Frustessen bezeichnen. Das heißt, auch Kinder und Jugendliche kompensieren Sorgen und Probleme durch übermäßiges Essen. Umgekehrt führt das Übergewicht wiederum zu psychischen Problemen, da das Selbstwertgefühl Schaden nimmt.

Hat gutes Essen immer mit hohen Kosten zu tun?

Wenn man den Zusammenhang zwischen sozialem Status und Übergewicht betrachtet, liegt die Aussage nahe, dass betroffene Familien sich kein gesundes Essen leisten können. Dies kann man jedoch auch anders sehen. Gerade Fastfood, Limonaden oder Süßigkeiten sind im Verhältnis teuer, nicht unbedingt frische Zutaten. Und selbst kochen ist in der Regel immer günstiger als auswärts zu essen. Allerdings gehört dazu auch ein gewissen Engagement. Eine gute Suppe, die für mehrere Tage und Portionen reicht, ist für wenige Euro gekocht, viele andere gesunde und zugleich leckere Gerichte ebenfalls. Und zum Teil werden die Prioritäten möglicherweise auch einfach falsch ausgerichtet, denn es sollte auf keinen Fall am Geld für drei gesunde Mahlzeiten am Tag für Kinder fehlen, wenn auf der anderen Seite das Geld für das neueste Handy, einen riesigen Fernseher oder ähnliches vorhanden zu sein scheint.

Hoffen auf positive Trends und Entwicklungen

Es gibt sicher noch viel zu tun und das an verschiedenen Stellen, bis wir einen Zustand erreichen, der wieder gesünder aussieht. Das Schulessen ist ebenfalls ein Problem. Allerdings sind hier Bewegungen erkennbar, die darauf hoffen lassen, dass in den kommenden Jahren positive Veränderungen vorgenommen werden. Auch ist ein deutlicher Trend zum Selbstanbau von Gemüse und Kräutern zu erkennen, und das auch vermehrt in den Städten. Das Bewusstsein für Lebensmittel und Nachhaltigkeit steigt, auch wenn sich hier ein Unterschied vermutlich wieder beim sozialen Status zeigt. Hier sind Schulen und Lehrer sicher ebenfalls gefragt, positiv einzuwirken, soweit dies möglich ist, damit Kinder frühzeitig lernen, was für ihren Körper gut ist und warum es wichtig ist, sich schon früh gesund zu ernähren und gleichzeitig ausreichend zu bewegen. Es wäre wünschenswert, dass alle Eltern sich ihrer Vorbildfunktion wieder bewusster werden, doch solange dies nicht gewährleistet ist, sind auch Medien, Ärzte und öffentliche Einrichtungen gefragt, positiv darauf einzuwirken, dass die Entwicklung im Bereich der Adipositas-Thematik wieder eine andere, rückläufige Richtung einschlägt, damit die nächste Generation bereits eine Chance hat, gesünder aufzuwachsen.

 

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