Das Adipositas-Problem ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen und inzwischen auch in Politik und Gesellschaft “angekommen”. Während Suchterkrankungen wie Rauchen und Alkoholkonsum oder verstärkt in den letzten Jahren Depressionen und Syndrome wie Burn-Out immer viel diskutiert und beachtet wurden, blieb die Gefahr des ansteigenden Übergewichts der deutschen Bevölkerung eher unbeachtet. Inzwischen haben viele erschreckende wie eindeutige Ergebnisse verschiedenster aktueller Studien dazu geführt, dass dieses Risiko stärker in den Blickpunkt geraten ist.

Adipositas verursacht hohe Kosten

Die Belastung der deutschen Sozialkassen durch Diabetes ist inzwischen ähnlich hoch wie die, die durch Folgekosten des Rauchens entsteht. Während es in diversen Ländern, unter anderem Großbritannien, Frankreich, Belgien oder Skandinavien, bereits seit längerem eine sogenannte Zuckersteuer gibt, ist diese bei uns noch immer nicht akut. Forderungen von verschiedenen Seiten werden jedoch zunehmend lauter. So halten beispielsweise die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) sowie die diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe eine solche Besteuerung von Softdrinks für dringend überfällig, da sie den ökonomischen Anreiz schaffe, den Zuckergehalt in Getränken zu senken.

Bereits Anfang 2015 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) neue Empfehlungen zum Konsum von Zucker und sprach sich für eine maximale Zufuhr freier Zucker von weniger als 10 % – im besten Fall nur 5 % – aus. Dieser Empfehlung haben sich gerade erst Ende Dezember 2018 auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE), die Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG) sowie die DDG angeschlossen. Diese Zufuhr entspricht bei einer Gesamtenergiezufuhr von 2000 Kilokalorien pro Tag einer maximalen Zufuhr von 50 Gramm freien Zuckern. Zu diesen freien Zuckern gehören Disaccharide oder Monosaccharide – häufige Zusätze von Lebensmitteln – sowie natürliche Zucker, die in Fruchtsäften, Sirupen oder Honig vorkommen. Studienergebnisse belegen eindeutig, dass der tatsächliche aktuelle Konsum sehr viel höher liegt.

Gefahr durch Lebensmittelindustrie

Bei der Verbraucherorganisation Foodwatch wiederum steht die Lebensmittelindustrie im Fokus der Kritik. Sie dränge Kinder und Jugendliche zum Verzehr von ungesundem Junkfood und falscher Ernährung, indem sie Kinderlebensmittel bewerbe, die zu süß oder zu fettig sind und wenn überhaupt nur in sehr geringem Maße verzehrt werden sollten.

Die Kantinen von Schulen und Kitas werden inzwischen ebenfalls kritischer beäugt. Auch Aktionen bekannter TV-Köche haben diese Problematik deutlicher ins Licht gerückt. Dennoch bieten viele derartiger Einrichtungen nach wie vor eher unausgewogene Mahlzeiten an, da diese vermeintlich günstiger sind als hochwertige Lebensmittel. Darum fordern Experten, dass auch hier seitens der Politik eingegriffen werden müsse, beispielsweise indem der Verkauf von Süßigkeiten und zuckerhaltigen Getränken an Schulen verboten wird.

Politik sieht andere Ansätze

Seitens der Politik wird eine Besteuerung ungesunder Lebensmittel bisher nicht als zielführend angesehen. Stattdessen müsse vor allem die Prävention durch Bildung und Information gefördert werden, beispielsweise durch Einführung der Ernährungsbildung als Schulfach. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien weit häufiger unter starkem Übergewicht leiden als Kinder mit einem hohen Sozialstatus. Hier kämen aber auch Aufklärungskampagnen und -Programme bisher nicht wirklich an, wie Experten kritisieren, da sich diese zu stark an das Bildungsbürgertum richten.

Allgemeine Wahrnehmung verändert sich

Gesellschaftlich scheint sich inzwischen schon mehr zu bewegen als politisch. Das Thema Adipositas ist längst kein Tabuthema oder Fremdwort mehr, das Bewusstsein, dass starkes Übergewicht eine Vielzahl an Folgeerkrankungen mit sich bringen kann, ist gewachsen, und es gibt eine Vielzahl an Einrichtungen, die sich auf diese Problematik ausrichten. All das bedingt jedoch ein aktives Handeln der Betroffenen.

Eine Vielzahl an TV-Dokumentationen oder anderen Formaten setzt sich mit dem Thema “Gesunde Ernährung” auseinander und stärkt damit ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem Problem. Im gleichen Zug sind Trends zu anderen Ernährungsformen aktuell. Die Menschen setzen wieder mehr auf regionale und saisonale Ernährung, auch wenn das ebenfalls eher das Bildungsbürgertum betrifft. Dennoch: Selbst kochen liegt wieder im Trend und sogar in den Großstädten wird gegärtnert, um sich mit dem eigenen Anbau teilweise selbst versorgen zu können.

Fazit

Tatsächlich hat sich also in den vergangenen Jahren einiges zum Positiven bewegt, doch es ist noch lange nicht genug. Es genügt nicht, der steigenden Anzahl der Adipositas-Betroffenen mit entsprechenden Fachkliniken oder Stationen in den Kliniken eine Behandlungsmöglichkeit zu geben. Viel wichtiger wären erfolgreiche und weitgreifende Präventionsmaßnahmen, die das Problem an der Wurzel bekämpfen und dafür sorgen, dass künftig gar nicht mehr so viele Menschen an Adipositas erkranken. Ein Eingreifen seitens der Politik schein unerlässlich, wenn es darum geht, den Herstellern und Vertreibern ungesunder Nahrungsmittel strengere Regeln aufzuerlegen, doch gerade hier passiert noch viel zu wenig. Die Selbstreflektion in der Gesellschaft nimmt etwas zu, steht jedoch ebenfalls noch ganz am Anfang.

 

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