In den letzten Jahren ist nicht nur die Zahl der Adipositas-Patienten stark gestiegen. Es ist nur eine logische Schlussfolgerung, dass entsprechend auch die Angebote an Therapiemöglichkeiten nur so aus der Erde sprießen.

Letztlich ist natürlich auch das Gesundheitswesen ein kompletter Wirtschaftszweig, der mit Höhen und Tiefen zu kämpfen hat. Budgets werden gekürzt, Kassenleistungen gesenkt.

Viele Krankenhäuser und Kliniken haben den Bedarf an Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten für stark übergewichtige Patienten erkannt und versucht, hier ebenfalls ein Angebot zu schaffen, dass die eigene Wirtschaftlichkeit erhöht. Doch leider ist nicht jedes Angebot auch qualitativ angemessen.

Wer sich bewusst in ärztliche Behandlung begeben will, um seiner Fettleibigkeit im wahrsten Sinne des Wortes an den Leib zu rücken, sollte sich im Vorwege ausreichend informieren. Nur dann ist sichergestellt, dass die Behandlung und Nachsorge in einem ausreichenden Maße umgesetzt wird.

Problem: Jeder will ein Stück vom großen Kuchen

Seit der Bedarf an Behandlungen, Operationen und Therapien zur Bekämpfung von Adipositas erkennbar angestiegen ist, möchte sich jede Klinik, die nicht im Besonderen spezialisiert ist, natürlich auch hier ein Stück vom Kuchen holen.

Es ist ein leichtes, ein entsprechendes Angebot erst einmal in den Raum zu stellen, denn auch die Patienten sind aktuell noch nicht immer ausreichend informiert. Leider unterschätzen sowohl die Betroffenen als auch die medizinischen Einrichtungen den notwendigen Aufwand. Die Adipositastherapie erfordert ein umfangreiches Netzwerk  medizinischer und therapeutischer Kompetenz, die Mediziner ohne zusätzliche Aus- oder Weiterbildung in diesem Bereich nicht ausreichend bedienen können.

Hinzu kommt die spezielle Ausstattung entsprechender Klinikbereiche. Hier wird oft am falschen Ende gespart, auf Kosten der Patienten.

Anforderungen im Diagnosebereich

Wer denkt, es braucht nur eine geeichte Waage, eine allgemeine Ernährungsberatung und die Protokollierung von Gewicht und Bewegung durch einen Fachmann, der liegt gänzlich falsch.

Als erstes ist es schon einmal wichtig, die individuellen Gründe für die Adipositas-Erkrankung zu ermitteln. Diese können natürlich oft in einer falschen Ernährungsweise und mangelnder Bewegung liegen, das ist häufig der Fall.

Daneben gibt es aber zahlreiche weitere Hintergründe, die ein übermäßiges Übergewicht verursachen oder zumindest begünstigen können.

Darum ist es notwendig, das Fachärzte entsprechende Voruntersuchungen vornehmen und besagte Gründe abklären. Es können auch Krankheiten oder Medikamente sein, die ausschlaggebend für die Gewichtszunahme sind. Eine umfangreiche Anamnese kann nur durch einen gut ausgebildeten Facharzt erfolgen, der die dafür notwendigen Untersuchungen vornimmt.

Anforderungen im Therapiebereich

Erst wenn klar ist, wo die individuellen Gründe für das Übergewicht liegen, kann einen ebenso individuelle Therapie konzipiert und umgesetzt werden. Die Methoden können dabei ebenso unterschiedlich sein wie die Ursachen. In jedem Fall sind die Therapiemöglichkeiten sehr vielfältig.

Die wohl konservativsten wie auch einfachsten Varianten sind eine fachspezifische Ernährungsberatung unter Einbeziehung einer Verhaltens- und Bewegungstherapie. Diese Methode kann gerade bei Patienten in der unteren Adipositas-Stufe schon sehr viel bewirken und reicht häufig bereits aus.

Bei härteren Fällen kommen andere Therapieansätze zum Tragen. Hier spreche ich von chirurgischen Eingriffen mittels einer Operation. Es gibt inzwischen zahlreiche verschiedene Varianten wie beispielsweise ein Magenbypass, ein Schlauchmagen oder eine Biliopankreatische Diversion. Gerade hier ist aber eine ausgewiesene Kompetenz der behandelnden Ärzte gefragt, die auf Fort- und Weiterbildungen sowie ausreichend Erfahrung basiert. Gleiches gilt natürlich auch für das Pflegepersonal.

Weitere Anforderungen an Kliniken und Adipositaszentren

Neben diesen eher fachlich orientierten Anforderungen existieren auch ganz pragmatische. Möchte eine Klinik entsprechende Behandlungen anbieten, so ist eine spezielle Einrichtung notwendig. Aufgrund des übermäßigen Körpergewichts der Patienten müssen Krankenhausbetten, Sanitäranlagen, Behandlungsliegen und auch OP-Tische deutlich größer sein als normal.

Außerdem müssen sie eine höhere Tragfähigkeit gewährleisten. Auch andere medizinische Gerätschaften wie Spritzen, Waagen oder Skalpelle müssen unter Umständen den Gegebenheiten angepasst werden.

Natürlich müssen auch die Räume selbst sowie die Durchgänge den speziellen Körperumfängen der Patienten entsprechen, damit diese nicht nur zurechtkommen, sondern im besten Fall auch einen angemessenen Komfort bieten.

All das erfordert hohe finanzielle Investitionen für die Anbieter, und zwar bevor überhaupt der erste Patient behandelt werden kann.

So mancher Betreiber versucht auch heute noch, ohne diese zusätzlichen Maßnahmen zu agieren. Aufgrund des steigenden Angebots an Adipositas-Einrichtungen wird es denjenigen jedoch langfristig nicht gelingen, sich am Markt zu positionieren.

Maßnahmen zur Vereinheitlichung eines bestimmten Standards

Die Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) hat eine Zertifizierung eingeführt, die an vorgegebene Standards gebunden ist.  Dies ist hilfreich für beide Seiten.

Kliniken profitieren von umfangreichen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und Unterstützung durch die DGAV. Bei erfolgreicher Zertifizierung können sie das entsprechende Siegel öffentlichkeitswirksam nutzen, um sich als geprüftes Adipositaszentrum auszuweisen und zu etablieren.

Die Zertifizierung umfasst die sachliche wie personelle Ausstattung der Kliniken und Zentren ebenso wie die klinische Erfahrung, eventuelle Weiterbildungsbefugnisse oder wissenschaftliche Tätigkeiten. Es wird dabei zwischen den folgenden Kompetenzstufen unterschieden:

  • Kompetenzentrum
  • Referenzzentrum
  • Exzellenzzentrum

Alle drei Stufen weisen eine Klinik als eine Einrichtung aus, die eine qualitativ gute Behandlung sicherstellt.

Diese Zertifikate können von einzelnen chirurgischen Abteilungen, einem Verbund chirurgischer Abteilungen oder vertraglich gebundenen Kooperationen beantragt werden. Eine Zertifizierung wird nach ausgiebiger Prüfung erstmals immer nur für maximal drei Jahre vergeben, danach muss eine Rezertifizierung beantragt werden.

Damit ist gewährleistet, dass der Standard auch nach einigen Jahren nicht deutlich nachlässt, während eine Einrichtung immer noch als zertifiziert gilt, und der Patient kann auf dieses Siegel auch langfristig vertrauen.

Was sollte ich als Betroffener bedenken

Die bisherigen Erklärungen machen hoffentlich deutlich, dass sich im Bereich der Adipositas-Behandlung in den letzten Jahren einiges getan hat. Nichtsdestotrotz gibt es aber eben auch hier gewisse schwarze Schafe, die vom erhöhten Bedarf vor allem wirtschaftlich profitieren wollen.

Wer seinem starken Übergewicht zu Leibe rücken möchte, hat viele Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen. Das sollten Sie auch unbedingt nutzen. Der Wille muss natürlich von Ihnen kommen, aber Sie sind ab diesem Moment nicht allein.

Eine Variante ist der Besuch bei dem eigenen Hausarzt. Er kennt Ihre Krankheitsgeschichte am besten und kann möglicherweise schon konkrete Hilfestellungen geben oder eine spezielle Therapieform empfehlen. Dieser erste Schritt ist in gar keinem Fall verkehrt.

Darüber hinaus gibt es im Internet Möglichkeiten, sich näher zu informieren. Es gibt aktuell (Stand 06/2017) 51 zertifizierte Adipositaszentren in Deutschland, davon haben 13 das Siegel als Referenz- und 3 das als Exzellenzzentrum. Eine Liste dieser zertifizierten Einrichtungen samt weiterer Informationen sind zu finden unter http://www.dgav.de/zertifizierung/zertifizierte-zentren/adipositas-und-metabolische-chirurgie.html.

Auch die Adipositas-Gesellschaft gibt unter http://www.adipositas-gesellschaft.de hilfreiche Informationen, auch hier gibt es die Möglichkeit nach fachspezifischen Einrichtungen in der Umgebung zu suchen.

Der Zukunft eine Chance geben

Gehen Sie Ihr Problem an, auch dann, wenn Sie zwischendurch wieder zweifeln sollten. Alles ist besser, als sich dem Schicksal zu ergeben und passiv zu bleiben, das Problem verschwindet nicht von allein.

Lassen Sie sich nicht abschrecken durch eventuelle Wartezeiten auf einen ersten Termin, Angst vorm eigenen Versagen, Angst vor der Therapie oder möglichen Kosten. Wichtig ist der erste Schritt, bei dem Sie ihr Problem akzeptieren und aktiv werden. Nutzen Sie die verschiedensten Möglichkeiten, sich ausführlich zu informieren, das wird Ihnen auch zeigen, dass sie mit Ihrem Problem nicht allein sind.

In einem nächsten Schritt können Sie dann entscheiden – im besten Fall gemeinsam mit dem Arzt – welche Therapieform sinnvoll ist.

Dann können Sie bei der Krankenkasse Erkundigungen einziehen, inwiefern Sie von dort finanziell oder auch anderweitig unterstützt werden können. Machen Sie eine Behandlung nicht generell von möglichen Kosten abhängig – Ihr Leben sollte Ihnen einiges Wert sein.

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