Dass Europa und auch Deutschland im Besonderen ein gewichtiges Problem haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Die Anzahl übergewichtiger Menschen steigt stetig an. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) leiden inzwischen 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen unter Übergewicht. Als Übergewichtig zählt ein Mensch mit einem MBI über 25. Liegt der BMI über 30 spricht man von Adipositas. Einzig bei Kindern ist zumindest eine Stagnation erkennbar. Grundsätzlich gibt es viele verschiedene Ursachen, grundlegend ist jedoch ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und Bewegung – die Deutschen nehmen also zu viele Kalorien zu sich und bewegen sich gleichzeitig viel zu wenig.

Adipositas ist nicht mehr das Problem einzelner

Die persönlichen Probleme mit dem Übergewicht – egal ob physisch oder psychisch – sind die eine Seite. Selbstverständlich sollte die Initiative vom Betroffenen ausgehen. Inzwischen ist das Problem aber auch ein finanzielles. Anlässlich des Europäischen Adipositas-Tages am 20. Mai warnte die Europäische Adipositas-Gesellschaft (EASO) vor enormen Krankheitskosten für die europäische Volkswirtschaft angesichts der nach wie vor nicht ausreichenden Maßnahmen. Auch die Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG) rief die Gesundheitspolitik dazu auf, Adipositas als chronische Krankheit anzuerkennen. Hinzu kam die Forderung nach kassenfinanzierter Versorgung als Regelleistung und effektiveren Präventionsmaßnahmen.

Kostenexplosion bringt Politik und Krankenkassen in Zugzwang

Geschätzt kostet Adipositas die EU bereits heute rund 70 Milliarden Euro, hervorgerufen durch verminderte Produktivität und erhöhte Krankheitskosten. Das setzt zunehmend auch die Politik und das Gesundheitssystem unter Druck, denn diese Kosten werden weiter steigen, wenn nicht gehandelt wird. In der Tat wird inzwischen auch dort erkannt, dass dringend Maßnahmen ergriffen werden müssen, die das Problem Adipositas in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern mittel- bis langfristig vermindern werden. Gleichzeitig gibt es inzwischen in Deutschland zurzeit circa 350 Krankenhäuser, die operative Eingriffe bei Adipositas-Patienten anbieten, denn das ist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Zahlen belegen, dass sich im Jahr 2014 in Deutschland rund sieben Millionen Patienten aufgrund von Adipositas in medizinische Behandlung begaben. Die Menge an operativen Eingriffen in diesem Bereich lag im gleichen Jahr bei fast 10.000 und hatte sich damit verfünffacht.

Viele Kliniken sehen jedoch vor allem den Profit, sind aber gleichzeitig nicht ausreichend ausgestattet oder ausgebildet. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e.V. (DGAV) empfiehlt daher, sich in einer von der DGAV zertifizierten Klinik behandeln zu lassen, immerhin auch mehr als 40 in Deutschland.

Politik wendet sich dem Thema zu

Von politischer Seite gibt es erste Bewegungen, die jedoch – wie so häufig – nur sehr langsam voranschreiten. So verfolgt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) den Ansatz zur Förderung einer gesünderen Lebensweise mit der Nationalen Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten und bringt damit die Lebensmittelindustrie in den Fokus des Handlungsbedarfs. Es handelt sich dabei um eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft, sodass man über das Ausmaß einer folgenden Umsetzung nur spekulieren kann. Gesundheitsverbände fordern hier jedoch noch deutlich mehr Aktivität, wie zum Beispiel durch verbraucherfreundliche Informationen auf Lebensmitteln oder eine leicht verständliche Nährwertkennzeichnung. Hier ist beispielsweise eine „Ampel“-Variante schon längst im Gespräch, jedoch bis heute nicht umgesetzt. Ob und was sich diesbezüglich nach der bevorstehenden Wahl bewegen wird, bleibt spannend, denn die Parteien sind sich in diesem Thema – wie so oft – alles andere als einig.

Krankenkassen sehen starkes Kostenrisiko

Auch bei den Krankenkassen wird das Thema Adipositas inzwischen ernster genommen als bisher. Die steigenden Gesundheitsausgaben stellen sie vor neue Herausforderungen. Allein wollen sie dieses Problem allerdings nicht lösen, sondern schieben auch den Ärzten eine Teilschuld vor. So würde Übergewicht häufig nicht diagnostiziert, geschweige denn behandelt. Dagegen würden häufige durch Adipositas ausgelöste Folgekrankheiten oder Begleiterscheinungen wie Diabetes, Gelenkverschleiß, Bluthochdruck oder Herzerkrankungen behandelt. Für die Krankenkassen verursache das letztlich deutlich höhere Kosten als die, die bei der nicht erfolgten Übergewichts-Therapie eingespart würden.

Tatsächlich sind die Kassen allerdings aktiver geworden und bieten zunehmend Präventions- oder Prämienprogramme an, wenn die Versicherungsnehmer aktiv an Vorsorgeprogrammen teilnehmen oder eine gesunde Lebensführung aufweisen. Das sorgt zumindest bei einigen Betroffenen auch für einen anderen Blickwinkel und stellt einen zusätzlichen Anreiz dar, das Übergewicht proaktiv abzubauen, bevor beispielsweise ein operativer Eingriff als letztes Mittel erscheint.

Fazit

Der Begriff Adipositas ist aus unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, dem müssen sich auch Politik und Gesundheitssystem stellen. Auch wenn hier und da bereits Ansätze vorhanden sind, ist hier ein steigender Handlungsbedarf vorhanden, der in den nächsten Jahren umgesetzt werden muss. Ansonsten drohen Deutschland oder größer gefasst der EU hohe Kostenanstiege durch vermehrte Ausgaben für Krankenbehandlungen sowie verringerte Produktivität durch erkrankte Betroffene. Gesundheits- und Verbraucherverbände, Organisationen und Vereine investieren viel Kraft und Energie in eine verbesserte Aufklärung, stärkere Prävention und versierte Behandlungsmöglichkeiten, und es ist wünschenswert, dass diese Arbeit sich in naher Zukunft auszahlt, indem Politik und Krankenkassen ihr Engagement im Bereich Adipositas noch weiter verstärken.

Nichtsdestotrotz liegt es an uns Betroffenen selbst, aktiv zu werden. Eine stärkere Unterstützung durch Politik, Kassen, Medizin und Lebensmittelindustrie wäre hilfreich, ohne Frage. Dennoch sollte der Antrieb bei uns selbst liegen, um schwerwiegenden Folgeerkrankungen und Begleiterscheinungen vorzusorgen, die auch bei uns nicht nur zu vermehrten Kosten führen, sondern vor allen Dingen unsere Lebensqualität dramatisch verschlechtern können. Und für unsere Gesundheit sind wir in allererster Linie selbst verantwortlich.

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