Wir leben heute eigentlich in einer Zeit und einer Welt der Individualisierung. Besser gesagt: Wir könnten es. Noch nie hatten wir vermeintlich so viele Möglichkeiten, so zu leben, wie wir es wollen. Die Berufs- und Ausbildungschancen sind enorm vielfältig, modisch ist der Markt unfassbar breit, wir könnten so viel, wenn wir nur wollten. Stattdessen habe ich das Gefühl, dass die Menschen in diesem Land selten so konform waren wie heute.

Alle sehen gleich aus – freiwillig

Mir ist es das erste Mal sehr bewusst aufgefallen, als ich vor zwei Jahren an einem sonnigen Tag durch Berlin schlenderte. Die Stadt war voll, es waren vor allem sehr viele junge Leute unterwegs. Und plötzlich stutzte ich: Irgendwie sahen alle gleich aus! Die jungen Männer trugen gescheitelte, oft gegelte Haare und Bärte, ordentlich gestutzt. Sie sahen aus, als kämen sie direkt aus ein und demselben Barbershop, die inzwischen in den Großstädten wie Pilze aus der Erde schießen. Gekleidet waren sie in engen Hemden und legeren Chinos in Bonbonfarben, die unten leicht gekrempelt waren. Die große Tasche, die auch ein Laptop gut verpackt, lässig von der linken Schulter zur rechten Hüfte umgehängt.

Dann die Mädchen und jungen Frauen: Nicht eine von ihnen hatte Haare, die nicht mindestens bis unter die Schulterblätter reichten, betont glatt, offen. Einzige Alternative war der spangenlos gefasste Dutt auf dem Oberkopf, der ebenso lange Haare bedingt. Hier waren hautenge Jeans mit Löchern und Rissen an den superdünnen Beinchen der Standard, darüber Oversize-Shirts oder Blusen, die um die schmalen Taillen wehten. Den ganzen Tag hatte ich das Gefühl, jeden mindestens schon einmal gesehen zu haben.

Eigenantrieb oder gesellschaftlicher Druck?

Mir ist dieses Phänomen inzwischen immer wieder deutlich geworden. Und ich gebe zu, ich habe häufig darüber nachgedacht. Diese jungen Leute wirken durchaus selbstbewusst. Antrieb kann es also kaum sein, in der Masse unterzugehen, weil man nicht den Mut hat, einen eigenen Stil zu besitzen. Nach der verstärkten Lektüre aktueller Modezeitschriften und dem genaueren Begutachten angesagter TV-Formate etc. wurde mir die Problematik allmählich klarer. Es geht um die von den Medien zelebrierten und vorgegebenen Schönheitsideale. Jede Frauenzeitschrift bietet neben dem Foto des aktuellen Top-Models die Vorschlagsliste der Kleidungsstücke – natürlich mit entsprechender Shop-Verlinkung – damit sich die Leserin exakt so kleiden kann. Andere Frauen – und sogar Männer – lassen sich mehrfach vom Schönheitschirurgen operieren, um genauso auszusehen wie Angelina Jolie, Barbie oder eben Ken. Angesagt ist, wer schön ist. Und das in unserer angeblichen Leistungsgesellschaft?

Wann hat sich der Blickwinkel so verändert?

Genau das ist das Problem: Heutzutage gilt es als Leistung, schön zu sein. Und zum Schönsein gehört unweigerlich die extrem schlanke Figur. Wir müssen dazu nicht Heidi Klums Models begutachten, uns begegnen die Size-Zero-Größen überall in den Medien. Doch wer sagt denn, dass nur gnadenlos dünne Menschen schön sein können? Galten nicht einmal italienische Vollblutfrauen als Schönheiten? Frauen in der Lebensmitte, die ihre Falten und grauen Strähnen mit Stolz trugen? Ich habe in meinem Leben viele Menschen kennengelernt, die wahrlich nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprachen, mich aber mit ihrer Ausstrahlung dermaßen eingenommen haben, dass sie für mich absolut schön waren. Auch Intelligenz, Witz und ein gutes Herz machen Menschen – Männer wie Frauen – für mich attraktiv. Offensichtlich ist unsere Gesellschaft aber auf dem besten Wege, sich hier auf ein reines Schlankheitsideal mitsamt optischer Konformität zu begrenzen. Wer nicht aussieht, wie alle anderen, also möglichst „perfekt“, der bleibt außen vor. Wie langweilig! Und noch dazu nicht haltbar: Wir werden zwangsläufig älter, auch und vermutlich als erstes in optischer Hinsicht. Das, was uns ausmacht, ist nicht die Hülle, die sich von allein verändert, sondern das, was in uns steckt: Geist, Intelligenz, Gefühl. Frage Dich doch einmal, warum Du Deinen Partner, Deine Partnerin, Deine Freunde liebst – nur weil sie so schön und so dünn sind?

Trotzen ist nicht der richtige Weg – zumindest nicht beim Gewicht

Ich war nie der Typ, der zwingend immer das tragen musste, was gerade total angesagt war. Das hatte ehrlich gesagt aber unter anderem auch damit zu tun, dass ich in meinem Leben nur selten wirklich so schlank war, dass ich all das hätte anziehen können. Doch selbst zu Zeiten von Größe 36 oder 38 habe ich immer das ausgewählt, was mir gefallen hat, und nicht das, von dem andere meinten, es habe mir zu gefallen. Darin bin ich mir bis heute treu geblieben, und es hat mir sicher nicht geschadet. Der Blick in den Spiegel macht auch mich selten wirklich happy, denn die Pfunde haben sich inzwischen wieder üppig festgesetzt. Ja, ich wäre gern dünner. Aber nicht, weil es von mir aus optischen Gründen erwartet wird, sondern weil ich weiß, dass es mir dann besser gehen wird. Ich werde mich fitter, gesünder, beweglicher und ja, auch attraktiver fühlen. Dieses Gefühl hängt aber nicht von einer konkreten Kleidergröße oder Kilozahl ab, sondern von meinem eigenen Gefühl. Das, so scheint mir, geht speziell den jüngeren aber zunehmend verloren, ebenso wie ein grundlegendes Selbstbewusstsein.

Lieber dumm statt dick

Ich möchte hier an dieser Stelle nicht die Gefahren von Magersucht diskutieren, denn davon sind alle, die diesen Blog lesen, vermutlich weit entfernt – das hoffe ich zumindest. Dennoch ist das ein großes Risiko, das durch den gesellschaftlichen Druck verursacht wird. Wenn heute schon zwölfjährige Mädchen unglücklich sind, weil sie nicht aussehen wie die Models ihrer Lieblingssendung, dann hat unsere Gesellschaft ein nicht dünnes, sondern dickes Problem. Wenn junge Frauen sich durchs Leben hungern, weil ihr einziges Ziel die optische Anpassung an die glorifizierten Covermodels ist, anstatt sich mit einer soliden Berufsausbildung oder zumindest einem möglichst guten Schulabschluss eine Basis für die Zukunft zu schaffen, dann wundert es mich nicht, dass in Deutschland der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften immer größer wird. Weit verbreitet ist das Vorurteil, das dicke Menschen faul und behäbig sind. Ab einem gewissen Grad an Übergewicht trifft die Behäbigkeit sicher zu, doch das hat rein körperliche Gründe. Genauso verkehrt finde ich übrigens, das möchte ich an dieser Stelle klar stellen, wenn man dünnen Menschen pauschal irgendwelche Attribute zuschreibt. Innere Werte haben nichts mit der Optik zu tun, weder in der einen noch in der anderen Richtung. Unser Leben bestreiten wir nicht mit optischen Attributen, zumindest nicht maßgeblich. Optische Gesichtspunkte spielen bei wenigen Berufsgruppen wie Models, ModeratorInnen oder zum Teil Schauspielern sicher auch mit dazu, aber beim Rest zählen in erster Linie Engagement, Fleiß, Teamgeist, Intelligenz und vieles mehr, wenn es darum geht, erfolgreich zu werden. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern, zumindest hoffe ich das!

Dünn + schön = glücklich

Es scheint auch ein verbreiteter Irrglaube zu sein, dass dünne Menschen automatisch glücklich sind. Ich könnte da jetzt von diversen Gegenbeispielen berichten oder davon, dass meine unglücklichste Lebensphase zugleich die war, in der ich so dünn war wie nie zuvor. Muss ich aber nicht, ich bin sicher, auch Du kennst derartige Beispiele. Natürlich funktioniert die Gleichung umgekehrt ebenso wenig, und auch der alte Spruch „rund und gesund“ ist natürlich so nicht korrekt. Ich plädiere viel mehr dafür, dass wir uns wieder auf unser eigenes Bauchgefühl verlassen, das uns sagt, was uns gut tut. Du solltest dem gesellschaftlichen Druck nicht nachgeben, aber natürlich auch nicht nur um dem zu trotzen alle guten Vorsätze in den Wind schießen. Viel mehr solltest Du Dir Deine ganz eigenen Ziele setzen. Kleine, erreichbare Ziele, wie zum Beispiel 10 kg weniger für den Anfang, begleitet von mehr Bewegung. Hast Du das erreicht, setzt Du Dir das nächste. Es geht nicht darum, dass Du so aussiehst wie die Titelbilder der Hochglanzmagazine, das wirst Du nicht schaffen, und warum auch? Du bist Du, und das ist gut so, denn was uns wirklich schön und glücklich macht, sind Individualität und eine positive Ausstrahlung. Letztere hast Du nur, wenn Du Dich in Deiner Haut wohlfühlst. An welchem Punkt das der Fall ist, kannst nur Du entscheiden. Aber sei immer ehrlich dabei – niemand fühlt sich mit 20 Kilo Übergewicht oder mehr wirklich wohl, und wenn er es sich noch so sehr einredet. Aber auch für diese Einsicht sorgen dann schmerzende Gelenke, Unbeweglichkeit, Kurzatmigkeit oder der eigene Anspruch an das Aussehen und hoffentlich nicht der Druck von außen.

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